pnp.de, 19.5.07: Geschichte ins eigene Leben holen

28.05.2007 - 10:38
pnp.de, 19.5.07

Ludmila Rakusan: Geschichte ins eigene Leben holen. pnp.de, 19. 5. 2007.

 

Geschichte ins eigene Leben holen

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Die Bergsynagoge in Hartmanitz wirft ein Licht auf das Zusammenleben von Tschechen, Deutschen und Juden im Böhmerwald.

von Ludmila Rakusan

Eigentlich hat Tereza Bruchova nicht mehr geglaubt, Walter Bloch, den Nachfahren einer jüdischen Fabrikantenfamilie aus dem tschechischen Grenzort Hartmanitz (Hartmanice), noch zu finden. Sie suchte im Internet, kontaktierte jüdische Gemeinden in London, stellte Nachforschungen bei Vertriebenenverbänden an. Irgendwann im Jahre 2002 aber, als die junge Kuratorin der Ausstellung in der Hartmanitzer Synagoge schon routinemäßig seinen Namen wieder einmal in die Suchmaschine eingab, geschah das Wunder: In einem Dokument über die Auflösung Schweizer Bankkonten der Holocaustopfer wurde Bloch erwähnt. Der Kontakt war dann schnell hergestellt: „Als ich seine E-Mail sah, war ich aufgeregt wie an Weihnachten. Dann stellte ich fest, wie geistreich und humorvoll er trotz seiner 80 Jahre ist. Es war eine große Freude, mit ihm einen Film für unsere Ausstellung zu drehen“, schwärmt Tereza. Die Bergsynagoge in Hartmanitz, unweit von Markt Eisenstein, ist die einzige gerettete Synagoge im Böhmer-wald. Zu verdanken ist dies - außer vielen Sponsoren - einem tschechischen Bürgerverein, der seit Mai 2006 die Kultusstätte als Diskussi-onszentrum und Kulturdenkmal betreibt. An der Dauerausstellung wird ständig gearbeitet, aber ihr Ziel war von Anfang an klar: Im Vordergrund steht das Zusammenleben von Deutschen, Juden und Tschechen im Böhmerwald. Samt Krisen und Ungerechtigkeiten. Das unterscheidet die Bergsynagoge nicht nur von anderen Böhmerwald-Museen in Tschechien, sondern auch vom nahen Adler-Haus in Gutwasser, das ausschließlich als Museum für jüdische Traditionen in der Region konzipiert ist. Auch die Vertreibung der deutschen Bevölkerung wird in der Synagoge, die zum Netz der „Treffpunkte“ der kommenden Landesausstellung Bayern-Böhmen in Zwiesel gehört, bald nicht nur anhand von Statistiken und Zeitdokumenten dargestellt. Erinnerungen des bereits verstorbenen Hartmanitzer Vertriebenen Ernst Frisch kommen bald auf Tonband hinzu. Ein Video mit zwei weiteren Vertriebenenschicksalen ist in Vorbereitung. „Dies ist ein Weg, den Böhmerwald sehr persönlich zu erfahren. Ihn zu einem Teil des eigenen Gedächtnisses zu machen“, hofft Tereza Bruchova.

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